Jasna Góra

Jasna Góra

Mittwoch, 5. Juli 2017

Ein aufrechter Hirte

Den aufmerksamen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ist vielleicht nicht entgangen, dass die Autorin dieses Blogs den ehemaligen Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner, sehr schätzt.

Nun durfte ich heute morgen erfahren, dass Kardinal Meisner heute früh heimgegangen ist.

Diese Nachricht hat mich nun doch etwas überfahren. Ausgerechnet jetzt, wo die Kirche sich in so stürmischem Fahrwasser befindet und Kardinal Meisner für mich noch eine Art Fels in der Brandung war...

Kardinal Meisner hat eine Biographie, die stark von den politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts geprägt ist. Am Weihnachtstag des Jahres 1933 geboren, verlor er im Zweiten Weltkrieg den Vater. Mit seiner Mutter und seinen Brüdern musste er 1945 aus Breslau fliehen.

Die Familie landete in Thüringen und somit nicht nur in der katholischen Diaspora, sondern auch in einem Staat, der den christlichen Glauben systematisch unterdrückte.

1980 wurde er Bischof von Berlin, der geteilten Stadt und 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, schließlich Erzbischof von Köln. 

Kardinal Meisner war sicher ein Bischof mit Ecken und Kanten, einer, an dem man sich auch reiben konnte. Genau das habe ich aber geschätzt, denn dazu ist ein Priester da, oder nicht? 
"Es ist Zeit, dass ihr uns Priestern und Bischöfen mutig sagt: Euer verständnisvoller Stil, der unser Leben weichspült, gefällt uns nicht. Es gefällt uns nicht, dass ihr nicht mehr den Mut habt, Anforderungen an uns zu stellen. Wenn ihr in uns Fehler seht, dann korrigiert sie. Wir wollen nicht solche Seelsorger, die nicht den Mut haben, Anforderungen an uns zu stellen." (Stefan Wyszynski
Meisner hatte Charakter. Er war keiner, der sich wegduckt. Den Kommunisten trat er ebenso unerschrocken entgegen, wie den (west-)deutschen Mainstreammedien.

Auch hat er nie die vertrauensvolle, ja fast schon kindliche (das ist positiv gemeint, so wie Pater Kentenich immer gesagt, hat, wir sollen ein Kind vor Gott bleiben) Frömmigkeit der einfachen Gläubigen verloren.

Er hat die Probleme und Missstände der heutigen Zeit klar benannt und war dabei doch kein Pessimist. Ich habe wirklich das Gefühl gehabt, da schöpft einer aus der tiefen Kraft des Glaubens.

Auch auf Grund seiner persönlichen Geschichte hatte Kardinal Meisner gute Kontakte zur Kirche in Osteuropa, vor allem in Polen. Johannes Paul II. kannte er noch aus dessen Zeit als Erzbischof von Krakau. Sehr gerne hat Kardinal Meisner einen Satz von Kardinal Wyszynski zitiert: "Wir wollen Löcher in die Erde knien."

Und so bin ich mir sicher, dass Kardinal Meisner nun zusammen mit Johannes Paul II., zusammen mit Kardinal Wyszynski, mit Kardinal Myndszenty und vielen anderen Fürsprache für uns einlegen wird, bei Gott, dem Herrn.


Freitag, 30. Juni 2017

Ein paar lose Gedanken zur Politik

Eigentlich möchte ich schon länger einen Beitrag über eine Lichtsignalanlage (Hilfsmittel für Hörgeschädigte) schreiben. Doch angesichts der aktuellen Lage spuken mir einige Gedanken im Kopf herum.

Ich finde es tatsächlich sehr denkwürdig, dass Angela Merkel ihren Politikwechsel offenbar weder mit ihrer Partei noch mit der Fraktion abgesprochen hat. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat sie ihren Politikwechsel bei einer Veranstaltung mit der Zeitschrift "Brigitte" verkündet.

Zweitens ist es doch sehr interessant, dass in den Medien zu lesen war, Angela Merkel habe den Fraktionszwang aufgehoben und den Abgeordneten erlaubt, nach ihrem Gewissen zu entscheiden. Soweit ich weiß, sind Bundestagsabgeordnete bei jeder Abstimmung allein ihrem Gewissen verpflichtet. Wolfgang Bosbach hat es treffend formuliert: "Diese Verantwortlichkeit kann weder durch großzügige Geste der Fraktionsführung gewährt werden, noch per Dekret von dort eingeschränkt werden." Was sagt es über den Zustand unserer Demokratie und auch unserer Medienlandschaft aus, wenn Angela Merkel nun in den Medien als Heldin dargestellt wird, weil sie den Fraktionszwang für diese eine Abstimmung aufgehoben habe?

Drittens wurde ja gewünscht, dass die Abstimmung eine namentliche sein sollte. Die Abgeordneten konnten also nicht anonym abstimmen. Ich weiß nicht genau, wie das bei Abstimmungen im Bundestag gehandhabt wird, welche Abstimmungen dort anonym stattfinden und welche namentlich stattfinden. Ich finde das aber doch bedenklich. Warum sollte ausgerechnet diese Abstimmung namentlich sein? Wozu muss man wissen, wer genau mit "ja" und wer mit "nein" gestimmt hat?

Und schließlich ist da ja noch die Frage, ob diese Entscheidung verfassungswidrig ist. Zwei ehemalige Verfassungsrichter sind dieser Auffassung und auch das Bundesinnenministerium. Derselbe Heiko Maas, der mit seinem "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" im Grunde genommen eine Art Gummiparagraph eingeführt hat, behauptet in Bezug auf die Ehe für alle, es sei keine Verfassungsänderung nötig. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Was mich an dieser Sache am meisten ärgert, ist Folgendes: Dieselben Leute, die hier in unserem Land die Demokratie untergraben (oder wie soll man das anders nennen), zeigen mit dem Finger auf Polen und behaupten, dort werde ein totalitäres System errichtet. Ich lese leider zu wenig polnische Nachrichten, um die politische Lage dort angemessen einschätzen zu können. Ich will auch gar nicht bestreiten, dass es durchaus berechtigte Kritik an der polnischen Regierung gibt. Allerdings habe ich bei meinen Besuchen in Polen und im Gespräch mit meinen Freunden und den Verwandten meines Mannes nicht den Eindruck, in einem totalitären Land zu sein. Bei vielen deutschsprachigen Zeitungsartikeln und Stellungnahmen von deutschen Politikern habe ich aber einfach den Eindruck, da wird nicht mit Sachargumenten argumentiert, sondern da werden einfach nur irgendwelche Behauptungen aufgestellt. Z. B. hier.

Ein wirklich sachlicher und unaufgeregter Artikel über die Lage in Polen erschien auf dem katholischen Nachrichtenportal CNA: http://de.catholicnewsagency.com/story/in-polen-schlagt-auch-das-herz-europas-0451

Samstag, 10. Juni 2017

Wellnesschristentum

Vieles ist schon geschrieben worden über das Projekt "Valerie und der Priester". Über Sinn oder Unsinn dieses Projekts, über gute und problematische Aspekte.

http://mightymightykingbear.blogspot.de/2016/11/valerie-und-die-jungen-erwachsenen.html

http://wellenwindwandern.blogspot.de/2017/01/was-ich-gerne-noch-gesagt-hatte.html

http://papsttreuerblog.de/2016/06/16/die-bibel-auf-der-leseliste/

Ich möchte nur noch einen Aspekt aufgreifen. In den "Briefen zu Halbzeit" schrieb Valerie:

"In einer der ersten Wochen stand ich Mal in der Kirche und fühlte mich plötzlich wieder als sei ich 14 Jahre alt. Ich wollte meine Haare pink färben, ganz laut „Rebell“ von den Ärzten hören und schreien. Diese Ruhe, diese Gleichheit, diese Wiederholung — alles nervte mich. Ich wollte raus. Und ich war wütend — auf alle, die dort standen, weil ich mir dachte: Was macht Ihr denn hier? Wieso macht Ihr jetzt gerade nicht irgendetwas, das Menschen tatsächlich hilft, statt hier zu stehen, zu singen und zu beten? Ihr redet die ganze Zeit von Gott und der Liebe, aber Ihr meint doch auch nur Menschen, die so sind wie Ihr.

[...]

 Heute werde ich nicht mehr wütend, wenn ich in der Kirche stehe. Weil ich gelernt habe, dass es in der Kirche um viel mehr geht. Es geht um die Erkenntnis, dass Ihr geliebt seid, von Gott. Was Ihr da macht? Ihr sucht nach Gnade, Kraft. Und Kraft braucht man, um wirken zu können, auch außerhalb der Kirche. Es bedeutet Euch viel, wie viel, werde ich vermutlich nie ganz nachvollziehen können. Aber wer bin ich, Euch das abzusprechen. Gott ist keine Frage für Euch, sondern ein Fakt — und natürlich sucht Ihr den Ort, an dem Ihr dessen Liebe erfahren könnt, und sucht die Kraft der Gemeinschaft, die Euch stärkt."

Besonders diese letzten Zeilen sind mir im Gedächtnis geblieben. Denn irgendwie erinnert mich das Ganze an einen Satz bzw. eine Frage, die meine Mutter mir öfter stellt: "Ja, gibt dir das denn was, wenn du sonntags in die Kirche gehst. Kannst du dir da was mitnehmen?"

Sowohl Valeries Analysen als auch diese Frage meiner Mutter offenbaren eine Einstellung, die heute möglicherweise sehr verbreitet ist, die aus meiner Sicht aber mit dem katholischen Glauben nicht kompatibel ist. Es ist eine Einstellung, die davon ausgeht, dass man nur noch Dinge tut, "die einem gut tun", bei denen man "sich etwas mitnehmen" kann. Dinge, die uns jetzt, gleich, sofort und hier im irdischen Leben etwas nützen.

Nun ist Valeries Analyse sicher nicht ganz falsch. Wir Christen dürfen und sollen in der Heiligen Messe auch Kraft und Stärkung finden. Und die Heilige Messe hat eine Gnadenwirkung. Allerdings entsteht bei Valerie ein bisschen der Eindruck, als sei diese Stärkung der erste und einzige Zweck der Messe oder gar des Glaubens. Und genau das stimmt einfach nicht.

Mal ganz abgesehen davon, dass der Besuch einer Heiligen Messe mich nicht immer stärkt, denn mancherorts darf man ja die interessantesten Liturgiemissbräuche erleben. Ein bekannter meines Mannes hat es mal schön ausgedrückt: Früher haben wir das Heilige Messopfer gefeiert. Heute ist es ein Opfer, in die Heilige Messe zu gehen. Also abgesehen davon, dass eine Messe mich nicht immer stärkt, stelle ich mir auch gar nicht die Frage, ob der Messbesuch mir "etwas bringt". Ich möchte gerne eine lebendige Gottesbeziehung haben und zu dieser lebendigen Gottesbeziehung gehört eben an erster Stelle der Besuch der Heiligen Messe am Sonntag.

Romano Guardini hat in seinem Werk "Vom Geist der Liturgie" dargelegt, dass die Liturgie keinen Zweck erfüllt. Aber alles was in der Liturgie vollzogen wird, hat einen tieferen Sinn. Es ist die Offenbarung Gottes. Es ist gebetete Wahrheit.

Wenn man also versucht, der Liturgie einen Zweck zu geben - und das ist es ja letztlich, was die Leute machen, wenn sie erwarten, dass die Messe ihnen "gut tut" - dann macht man die Liturgie im Grunde genommen kaputt, denn die Liturgie hat eben keinen Zweck sondern einen Sinn.

Sonntag, 4. Juni 2017

Sehnsucht






Immer im Sommer,

wenn fast kein Wölkchen am Himmel zu sehen ist,
wenn man in die unendlichen Weiten des Himmels schauen kann,
wenn die Flugzeuge ihre Kondensstreifen am Himmel ziehen,
wenn das Jahr seinen Höhepunkt erreicht hat, den Höhepunkt zwischen Neubeginn (Frühling) und Abschied (Herbst),
immer dann erfasst mich so eine Sehnsucht.

Früher dachte ich, es sei Fernweh.
Doch ich glaube, es ist kein Fernweh,
sondern eher Heimweh.
Heimweh nach der ewigen Heimat.


Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott“
(Hl. Augustinus)

Mittwoch, 10. Mai 2017

Predigt über Mindszenty

Diesen Link teile ich gerne: http://kath.net/news/59490

Eine berührende Predigt von Kardinal Meisner über den ungarischen Primas Joszef Mindszenty.
Ein herzliches Vergelt's Gott an Kardinal Meisner.

Samstag, 22. April 2017

Weißer Sonntag

"Heute haben wir im wahrsten Sinne des Wortes Weißen Sonntag." Mit diesem Satz begrüßte der Pfarrer uns Kommunionkinder im Pfarrheim. Am 10. April 1994 hatte es nämlich geschneit.
Diese Gelegenheit nutzte der Pfarrer, um uns zu erklären, warum der Weiße Sonntag so heißt, wie er eben heißt.



Allen Kindern, die morgen Erstkommunion feiern, wünsche ich Gottes reichen Segen.

Mittwoch, 29. März 2017

Fragen

Kürzlich las ich in verschiedenen Beiträgen, wie schmerzlich und traumatisch eine Fehlgeburt für werdende Mütter und Väter ist. Ich glaube das sofort. Und ich hatte den Eindruck, dass viele andere Menschen die Trauer der Eltern nach einer Fehlgeburt ebenfalls verstehen können (vgl. dazu die Kommentarspalte in diesem Artikel).

Ich habe mich allerdings dann doch gefragt, was das für eine Gesellschaft ist, in der wir leben.
Auf der einen Seite trauern wir um Kinder, die im Mutterleib sterben.
Auf der anderen Seite plädieren wir für ein Recht auf Abtreibung.

Das verstehe ich irgendwie nicht ganz. Wenn wir es doch traurig finden, wenn Kinder im Mutterleib sterben, warum behaupten wir dann zugleich, Abtreibung sei nichts Schlimmes?

Sonntag, 12. Februar 2017

Die Ostpolitik des Vatikans

Kürzlich las ich, dass Papst Paul VI nun auch auch heilig gesprochen werden solle, dass dafür das Verfahren beschleunigt und auf ein Wunder verzichtet werden solle.

Nun könnte man mich natürlich fragen, warum mich diese Randnotiz überhaupt so sehr beschäftigt, dass ich einen Blogeintrag dazu verfasse. Es gibt doch wirklich wichtigere Probleme in der Welt. Nun ja, diese Frage könnte man den Verantwortlichen im Vatikan ebenso stellen. Ihnen scheint eine schnelle Heiligsprechung Pauls VI ja ebenfalls wichtig zu sein, sonst würden sie das Verfahren ja nicht beschleunigen wollen.

 Als Osteuropahistorikerin habe ich im Rahmen meiner Recherchen zur Lage der Kirche in den ostmitteleuropäischen Staaten während des Kommunismus eben auch mit der Ostpolitik des Vatikans beschäftigt. Und da kommt Paul VI leider nicht so gut weg.

Guido Horst hat es im Vatican-Magazin einmal schön dargelegt:
"War Paul VI. ein zutiefst im Glauben verwurzelter Mann, so teilte er in politischen Fragen den Fortschrittsoptimismus, ja die Fortschrittseuphorie seiner Zeit. Das ging bis zu der Annahme, dass eine Annäherung des Vatikans an die Sowjetunion schließlich zu mehr Frieden in der Welt führen würde, weil der Kreml im Grunde eine pragmatische Politik betreibe und zu Gegenleistungen bereit sei."

Der Journalist Jan Ross teilt diese Einschätzung in seiner lesenswerten Biographie Johannes Pauls II.:
"Unter Pius XII, dem Papst des Kalten Krieges und antikommunistischen Kreuzritter, hatte man Wyszynski in Rom gelegentlich des Kompromißlertums verdächtigt. Unter Johannes XXIII und Paul VI paßte sich sich der Heilige Stuhl der weltpolitischen Atmosphäre der sechziger und siebziger Jahre an und ging zur Entspannung über. Nun galt der polnische Primas auf einmal als starrsinniger Hardliner. Das eine wie das andere kümmerte ihn [gemeint ist Wyszynski] wenig." (Jan Roß: Johannes Paul II. Der Jahrhundert-Papst, Reinbek bei Hamburg, 2005, S. 77)

Paul VI bzw. seine außenpolitischen Berater scheinen tatsächlich geglaubt zu haben, sie müssten dem Kreml entgegen kommen, auch um eine Annäherung zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche zu erreichen. Den Preis für dieses Entgegenkommen mussten jedoch die Geistlichen und Gläubigen in den ostmitteleuropäischen Ländern zahlen.


„Meisterhaft getarnt in der Methode, kompromisslos in der Sache verfolgte der Papst seine beiden großen Ziele – die Wiedervereinigung von Rom und Orthodoxie und die Vermittlerposition des Vatikans in den Konflikten einer friedensbedürftigen Welt. Beides war ohne das Einverständnis der Sowjetunion nicht erreichbar. Sie allein hatte die Orthodoxie in der Hand und bestimmte den Grad ihres Entgegenkommens. Von ihr allein hing das Gespräch mit den orthodoxen Kirchen der Satellitenstaaten ab. Ihrer Duldung war auch die Lebensfähigkeit aller vatikanischen Bemühungen ausgeliefert, die Beziehungen mit den kommunistischen Staaten römisch-katholischer Bevölkerung neu zu regeln – Polen, Tschechoslowakei und Ungarn. Als Versöhnungsgeste an die Adresse der dortigen Regierungen rief Paul VI. zwei unbeugsame antikommunistische Kardinäle ins Exil – zuerst Beran von Prag, dann Mindszenty von Budapest. Mit dem Kardinal Wyszynski von Warschau focht Monsignore Casaroli jahrelang Kämpfe aus, um ihn auf die vatikanische Ostpolitik festzulegen – was misslang. Keine dieser Maßnahmen geschah ohne einen Seitenblick auf den Kreml.“
(Reinhard Raffalt: Wohin steuert der Vatikan? Papst zwischen Religion und Politik, München 1973, S. 156.)

Pater Werenfried von Straaten, der große Helfer der Kirche in Ostmitteleuropa, kritisierte vor allem die Abberufung Kardinal Mindszentys. Mindszenty sei als "Tauschobjekt der Ostpolitik den Illusionen der Diplomaten geopfert" worden. Für die Kardinäle Beran und Slipyj (Slipyj war Oberhaupt der unierten Kirche) dürfte ähnliches gelten. Man kann auch unter der eigenen Kirche leiden.

Nun habe ich nicht grundsätzlich etwas gegen eine Heiligsprechung Pauls VI. Er war sicherlich ein frommer Mann und eine Heiligsprechung erfolgt ja nicht auf Grund politischer Leistungen, sondern wohl eher auf Grund des persönlichen Lebenswandels. Außerdem hat Papst Benedikt XVI zu recht darauf hingewiesen, dass Heiligkeit nicht bedeutet, dass man im Leben keine Fehler gemacht hat.

Katholisch bedeutet ja allumfassend und es ist gut, dass die allumfassende Kirche auch eine Vielzahl von Heiligen hat, an denen sich die Gläubigen orientieren können. Nicht jeder Gläubige wird mit jedem Heiligen etwas anfangen können und das ist durchaus legitim. Ich zum Beispiel kann mit Jerzy Popieluszko deutlich mehr anfangen, als mit Nikolaus von der Flühe. Dieser Mann, der seine Frau und 10 Kinder verlassen hat, der im Mittelalter als Einsiedler irgendwo im Wald gelebt hat... Alles schön und gut, aber ich lebe nicht als Einsiedlerin irgendwo im Wald, sondern ich lebe in der modernen Welt. Und ich denke, in der modernen Welt braucht es vor allem mutige Christen, die dem Geist der Welt die Stirn bieten. Genau das hat Popieluszko getan. Unser Pfarrer hingegen ist ein großer Fan von Nikolaus von der Flühe. Das ist alles in Ordnung. 

Dennoch frage ich mich, warum bei jetzt auch bei Paul VI das Verfahren beschleunigt werden soll, während die Seligsprechungen von Kardinal Wyszynski, Kardinal Mindszenty, Kardinal Slipyj und Kardinal Beran noch ausstehen. Auch frage ich mich, warum etwa bei Pius XII oder auch bei Resl von Konnersreuth sehr viel Aufhebens um das Für und Wider einer Selig- und Heiligsprechung gemacht wird, während nun bei Paul VI alle Kritikpunkt einfach in den Wind geschlagen werden.
Da entsteht doch irgendwie der Eindruck, dass es hier nicht mehr um Inhalte geht, sondern vielmehr um kirchenpolitischen Interessen. Und das verursacht bei mir doch ein gewisses Unbehagen.

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Theodizee-Frage: Vortrag auf einer Hochzeitsfeier

Heute möchte ich einen Vortrag teilen, den ich auf unserer Hochzeitsfeier gehalten habe. Das mag etwas komisch klingen: ein Vortrag auf einer Hochzeitsfeier. Mein Mann hatte mich gebeten den Gästen doch zu erklären, warum wir in der Kathedrale von Warschau heiraten wollten. Und das habe ich dann versucht, zu erklären.

"Dazu muss ich zunächst kurz erklären, wie ich dazu gekommen bin, mich für Polen zu interessieren. Wir hatten in der Schule, in der 11. Klasse ein halbes Jahr lang polnische Geschichte. Unser Geschichtslehrer hat anhand der polnischen Geschichte die Weltgeschichte abgehandelt. Das hat mir sehr gefallen, weil er auf diese Weise wie von Zauberhand ein verbreitetes Klischee widerlegt hat. Nämlich das Klischee, Polen läge fernab der Hauptstraßen der Geschichte. Was das 20. Jahrhundert betrifft, ist eigentlich sogar umgekehrt, kein Land hat so sehr im Mittelpunkt der weltpolitischen Erschütterungen gestanden, wie Polen. Und er hat gesagt, dass der damalige Papst, Johannes Paul II. einen großen Beitrag zum Fall des Kommunismus beigetragen hat. Das hat mich fasziniert. Als ich dann in Tübingen Geschichte studiert habe, habe ich gemerkt, dass es bei uns ein Institut für osteuropäische Geschichte gibt. Da habe ich ein paar Seminare besucht, dort schreibe ich jetzt auch meine Doktorarbeit über den Ort Tschenstochau und den polnischen Opfertopos.
Das Wort Opfertopos ist ein etwas sperriger Begriff. Es geht dabei um das nationale Selbstbild Polens als Opfer der Geschichte. Der Opferbegriff, der diesem Opfertopos zu Grunde liegt, ist ein sakrifizieller. Das deutsche Wort Opfer wird in anderen Sprachen durch zwei Wörter wiedergegeben: victim, und sacrifice. Victim ist ein juristischer Opferbegriff und bezeichnet eine Person, die einen Schaden erlitten hat. Sacrifice ist eher ein religiöser Opferbegriff und bezeichnet eine Opfergabe. Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine konkrete Opfergabe handeln, wie etwa ein Opfertier. Es kann auch eine abstraktere Opfergabe sein, zum Beispiel ein Verzicht oder ein Gebet. Es ein Opfer für etwas. Das Opfer bewirkt etwas Gutes. Beim polnischen Opfertopos geht es um einen Opferbegriff im Sinne von Martyrium. Martyrium ist die willige Annahme von Leid für das Erlösungswerk Christi.
Jetzt kann man sagen, Christus ist doch am Kreuz den Opfertod gestorben, er hat uns alle erlöst, wie kann dann der heutige Mensch an seinem Erlösungswerk mitwirken. Das bezieht sich auf ein Wort des Apostels Paulus im Kolosserbrief (Kol 1,24), wo er sagt: „Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt.“ Pater Josef Kentenich, der im Zweiten Weltkrieg im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war, hat gesagt, wir sollen unser Leiden annehmen als Splitter des Kreuzes Christi. Joseph Ratzinger schrieb in seiner Einführung in das Christentum, dass die Welt nicht ohne Opfer existieren kann. Hier in Warschau gibt es eine Militärkathedrale. Dort an der Tür steht geschrieben: Liebe fordert Opfer. Die Welt kann nicht ohne Liebe existieren und die Liebe existiert nicht ohne Opfer. Man hat diese Vorstellung auch mit Hilfe der Weizenkorn-Symbolik ausgedrückt: Das Weizenkorn bring neue Frucht, wenn es stirbt. Damit ist grob umrissen, worum es beim polnischen Opfertopos geht. Es geht um die Annahme des Leids, das das 20. Jahrhundert den Menschen in Polen abverlangt hat. Es geht um die Annahme diese Leidens als Mitgehen auf dem Kreuzweg Christi.
Der polnische Opfertopos deutet die polnische Geschichte als Martyrium. Die Erschütterungen des 20. Jahrhunderts werden als Mitgehen auf dem Kreuzweg Christi gesehen, als Beitrag zum Erlösungswerk Christi.
Im Grunde genommen bietet der polnische Opfertopos eine Antwort auf die Theodizee-Frage. Theodizee bedeutet Gerechtigkeit Gottes. Die Theodizee-Frage ist die Frage, warum das Leid, das Böse in der Welt existiert, obwohl Gott allmächtig und allgütig ist. Das ist auch die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Im Grunde genommen ist die Theodizee-Frage eine Frage, die sich in besonderer Weise uns Christen stellt, weil wir an einen allmächtigen und allgütigen Gott glauben. Im Hinduismus beispielsweise gibt es gute Götter und böse Götter, und für das Leid in der Welt sind die bösen Götter verantwortlich. Im Christentum können wir so einfache, klare Antworten nicht geben. Man könnte zwar sagen, dass der Teufel für das Böse verantwortlich ist, aber dann bleibt immer noch die Frage, warum Gott, der alles geschaffen hat, zugelassen hat, dass es den Teufel gibt. Die Existenz des Leidens in der Welt stellt die Güte und die Allmacht Gottes in Frage. Entweder Gott will das Leiden nicht von uns abwenden, dann ist er nicht allgütig, oder er kann es nicht abwenden, dann ist er nicht allmächtig.
Diese Frage hat mich in den letzten Jahren sehr beschäftig, weil ich erstens eine Doktorarbeit über den polnischen Opfertopos schreibe. Zweitens haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass Christen zunehmend verfolgt werden, etwa im Irak und in Syrien. Und drittens hat die Theodizee-Frage meine ganz persönliche Lebenssituation getroffen. Ich habe fast 10 Jahre lang einen Mann gesucht, einmal habe ich geglaubt, einen gefunden zu haben. Dann bin ich zu dieser Internet-Plattform gegangen, wo ich letztes Jahr Lukas kennen gelernt habe. Ich war sechs Jahre lang bei dieser Plattform, habe ziemlich viele Männer getroffen, aber irgendwie hat es nie gepasst. Das war sehr frustrierend. Man investiert viel Zeit in das Kennenlernen, schreibt Mails, chattet… Und dann war die Mühe immer umsonst. Die Einsamkeit fand ich zeitweise sehr belastend. Hinzu kommt eine Hörschädigung, die eine ganz andere Dimension von Einsamkeit erzeugt. Mündliche Kommunikation ist das wichtigste Bindeglied zwischen Menschen. Wenn diese Kommunikation dauerhaft behindert ist, wenn man dauerhaft nicht alles verstehen kann, dann hat das sehr wohl Auswirkungen auf die Psyche und auf die Persönlichkeit. Das sind keine Hirngespinste von mir, weil ich so gerne jammere, da braucht man nur mal einen Psychologen fragen, der mit Hörgeschädigten arbeitet. Ich habe auch keine Geschwister. Neulich hat eine Frau mich gefragt, ob ich Geschwister habe, ich verneinte, und sie sagte: Dann weißt du, was allein sein bedeutet. Vor fünf Jahren hatte ich so eine Art Herzstillstand. Den habe ich überlebt, fand ich toll. Aber ich muss seitdem mit einem Defibrillator rumlaufen, das finde ich nicht immer so toll. Hinzu kommt, dass es in der heutigen Zeit gar nicht so leicht ist, als junger Mensch den katholischen Glauben zu leben. Es gibt nicht viele junge Leute, mit denen man den Glauben teilen kann. Und man wird auch oft verlacht. Glaube heißt, dass ich an die Existenz Gottes glaube, sondern das heißt, dass ich eine Beziehung zu Gott habe. Gott ist ein Gegenüber, ein Du. Eine Beziehung will auch gepflegt werden, das wie bei einer Freundschaft. Das heißt, der Glaube hat auch konkrete Auswirkungen auf mein Leben, meinen Alltag. Das stößt eben nicht immer auf Verständnis. Auch andere Themen, etwa die Sexualmoral stößt auch nicht immer auf Verständnis. Das hat für mich doch auch die Gerechtigkeit Gottes in Frage gestellt. Dann hatte ich einen Beichtvater, der mir immer gesagt hat, ich soll alleine bleiben. Das konnte ich für mich nicht annehmen, aber ich wusste eben auch nicht genau, was der Wille Gottes ist.
Nach Jahren des inneren Ringens habe ich mich entschieden, den Beichtvater zu wechseln. Und das erste, was mein neuer Beichtvater gesagt, was: Gott verheißt uns ein Leben in Fülle. Deswegen ist das auch der Trauspruch.
Ich habe in all den Jahren viele Antworten auf die Theodizee-Frage gehört, aber nur wenige davon waren hieb- und stichfest. Eine beliebte Antwort lautet: Du musst dein Leiden annehmen. Diese Antwort hat zwei Schwachpunkte. Erstens wird sie sehr schnell zynisch. Stellen wir uns mal vor, da wir jemand gefoltert, und dann kommt ein Christ uns sagt zu ihm: Du musst dein Leiden annehmen. Das ist zynisch. Natürlich ist es so, dass man die leidvolle Situation zuerst einmal annehmen muss, weil man keine andere Wahl hat. Aber es wird sehr schnell zynisch, wenn dann ein anderer kommt, unser Leid nicht leidet, aber sagt, wir sollen unser Leiden annehmen. Der zweite Schwachpunkt dieser Antwort ist, dass sie eine große Passivität hervorruft. Es klingt im Grunde genommen so, als wäre das Leid Gottes Wille, als sollte man das Leiden annehmen und sonst nicht tun. Das stimmt eben auch nicht. Natürlich ist es so, dass man die leidvolle Situation zuerst einmal annehmen muss, weil man keine andere Wahl hat. Aber deswegen dürfen wir trotzdem versuchen, die leidvolle Situation zu ändern und wir dürfen auch Gott darum bitten. Eine andere Antwort lautet, dass man für sein Leiden danken soll. Es ist oft natürlich so, dass man im Nachhinein mit Dankbarkeit auf die schweren Lebensphasen zurückblickt. Man kann aber eben oft erst im Nachhinein erkennen, dass auch diese schwierigen Zeiten ihren Sinn. Das heißt, die Dankbarkeit kann man auch erst im Nachhinein entwickeln. Auch diese Antwort wir sehr schnell zynisch. Wenn wir noch mal zu dem Mensch zurückgehen, der gefoltert wird. Es ist zynisch, ihm zu sagen, du musst für dein Leiden dankbar sein.
Ich habe eigentlich nur eine Antwort gehört, die für mich stimmig war: Die Antwort auf die Theodizee-Frage kann jeder Mensch nur selbst erringen, in einem Ringen mit Gott. Dieses Ringen ist manchmal ein Ringen auf Leben und Tod. Wenn man die Antwort gefunden hat, muss sie vor jeder Verallgemeinerung bewahrt bleiben.

Was hat das ganze jetzt mit Stefan Wyszyński zu tun? Ich habe ihn all die Jahre immer wieder um Rat gefragt. Habe seine Texte gelesen, habe auch ganz persönlich mit ihm gesprochen, so wie ich auch mit Gott spreche. Und ich habe da viele Antworten bekommen. Er war und ist mein Mentor. Stefan Wyszyński spricht immer davon, dass der Glaube anspruchsvoll ist, dass Gott auch einen Anspruch hat, dass Gott das Recht hat, uns zu prüfen. Gott ist nicht „der Lückenbüßer, der uns das Leben bequem macht, sondern er ist ein Gott, der mit einem Anspruch an uns heran tritt.“ Zugleich war Stefan Wyszyński zutiefst optimistisch. „Es ist nicht meine Gewohnheit zu sagen, daß es schlecht stehe und daß es noch schlechter werde, auch wenn man bisweilen so etwas hört. Ich bin der Meinung, daß es so gut ist und noch besser sein wird, wenn nicht jetzt, so sicher im zukünftigen Leben. Ganz gewiß wird es dereinst so sein. Wenn ich sage, daß es gut ist, dann nicht deshalb, um Worte zu machen, sondern um meinem lebendigen Glauben an die Kraft und die Macht Gottes Ausdruck zu geben, der in der Welt wirksam ist und sein Recht selber verteidigt. Manchmal läßt er schwierige Situationen zu und gestattet es den Herrschern der Finsternis, zu Wort zu kommen, damit Gottes Macht noch deutlicher werde. Wyszyński hat betont, dass Gott immer gerecht ist, dass diese Gerechtigkeit irgendwann auch wieder zum Vorschein kommen wird, dass am Ende das Gute siegen wird.

„Niemandem bleiben die Stunden des Dunkels erspart, der Herr schickt sie, damit unsere Sehnsucht wächst, damit wir Geduld erlernen, damit wir die Beharrlichkeit finden, die ihn nicht loslässt: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Ich glaube, wir müssen diese Geduld des Wartens, des Aushaltens, das demütige und beharrliche Klopfen an die Tür des schweigenden Gottes ganz erlernen; die Bibel ist voll davon. Erst so werden wir geformt, erst dieser Weg wird wahre Wanderschaft, Aufstieg zu den Höhen des Ewigen.“ (Joseph Ratzinger)

Gott hält die Welt in Händen, auch dann, wenn es so scheint, als schweige er. Das ist der Tenor eines Films, den wir jetzt sehen werden. Für das bessere Verständnis des Films muss ich einige historische Fakten nennen: Die katholische Kirche Polens hat im Zweiten Weltkrieg ein Martyrium erlitten, ca. ein Drittel des polnischen Klerus wurde ermordet. Dieses Martyrium war ein Grund, warum die katholische Kirche in der polnischen Bevölkerung ein hohes Ansehen genoss. Nach dem Krieg wurde Polen kommunistisch. Nachdem es zunächst relativ ruhig verlief, wurden Anfang der 1950er Jahre, als Polen die Hochphase des Stalinismus erlebte, wurden wieder sehr viele Geistliche verhaftet. Auch der Primas der katholischen Kirche, Stefan Wyszyński. Dieser hat in der Haft ein Programm der spirituellen Erneuerung Polens entworfen. Im Jahre 1956 kamen fast eine Millionen Menschen in Tschenstochau zusammen und haben sich der Muttergottes geweiht. Sie haben ein Gelübde abgelegt. Zwei Monate später wurde Stefan Wyszyński wieder freigelassen und diese Phase des Stalinismus war beendet. Damit begann eine Entwicklung, die tatsächlich zur Solidarność-Bewegung der 1980er Jahre und somit zum Ende des Kommunismus geführt hat. Zur Freilassung Wyszyńskis muss ich noch eines sagen: er war der einzige, der osteuropäischen Metropoliten, der auf seinen Bischofssitz zurückkehren konnte. Der Primas von Tschechien, Josef Beran, war lange inhaftiert und durfte nach seiner Freilassung nicht auf seinen Bischofssitz zurückkehren. Das gleiche gilt für den Primas von Ungarn, Josef Mindszenty. Er war lange inhaftiert, wurde schlimm gefoltert, und durfte nach seiner Freilassung nicht auf seinen Bischofssitz zurückkehren. Josef Slipij, der Metropolit der unierten Kirche, war lange im Gulag."

Nach diesem Abschluss haben wir einen Ausschnitt aus einem Film gezeigt:



Hier in voller Länge: 

Wir hatten noch englische Untertitel dazu, aber dennoch haben wohl nicht alle Gäste alles verstehen können, aber es ist ein schöner Film.

Samstag, 3. Dezember 2016

Freude

Bloggerkollege KingBear schrieb kürzlich, dass die Freude dem christlichen Glauben imanent ist, und verwies auf den Brief des Apostels Paulus an die Philipper: Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!" (Philipper 4,4). Da der Advent eine Zeit der Vorbereitung aber auch eine Zeit der Vorfreude ist, versuche ich, ein paar Gedanken über die christliche Freue wiederzugeben.

In dem Gesprächsband "Salz der Erde" fragt Peter Seewald: "Die Wahrheit über Mensch und Gott scheint oft traurig und schwer. Ist der Glaube denn von Haus aus nur für die stärkeren Naturen zu ertragen? Er wird ja auch häufig als Zumutung empfunden. Wie also soll Freude am Glauben aufkommen?" Joseph Ratzinger antwortet: "Ich würde es umgekehrt sagen: Der Glaube gibt die Freude."

Der Glaube gibt also die Freude. Ich selbst habe nach meiner "zweiten Bekehrung" die ersten Glaubensschritte bei den charismatischen Gemeinschaften in der katholischen Kirche gemacht. Wer schon einmal auf einem charismatischen Gebetstag oder bei Exerzitien war, weiß, welch gute, mitreißende Stimmung dort herrscht. Ich habe generell den Eindruck, dass die Charismatiker sehr großen Wert auf die Freude am Herrn legen. Schwester Margaritha Valappila etwa sagt ungefähr nach jedem zweiten Satz "Halleluja" und rät uns Laien, das auch zu tun.

Mich hat diese ganze überbordende Freude der Charismatiker doch sehr unter Druck gesetzt. Ich dachte, ich bin ein schlechter Christ, weil ich mich nicht vorbehaltlos freuen kann. In mein Gebet mischte sich neben Dankbarkeit auch immer wieder die Klage, vor allem die Klage über meine Einsamkeit und darüber, dass ich oft nicht wusste, wie mein Leben weitergeht. Hinzu kommt, dass ich mich in meiner Doktorarbeit mit der Theodizee-Frage beschäftigte. Ich habe Lebenszeugnisse gelesen von Menschen, die während des zweiten Weltkrieges in Konzentrationslagern oder im sowjetischen Gulag waren. Und auch unserer Tage müssen wir Leid und Christenverfolgung mit ansehen. All dies beschäftigt mich und führte dazu, dass ich mich nicht uneingeschränkt und so begeistert freuen konnte. Dabei fühlte ich mich immer schlecht, weil ich dachte, ein guter Christ muss sich doch freuen. Ich dachte, Traurigkeit sei eine Sünde.

Ist also nur der freudige Christ ein guter Christ? Ist Traurigkeit eine Sünde? Weihbischof Marian Eleganti meint: "Jein! Es kann eine Trauer sein, die aus der Hoffnungslosigkeit kommt, aus dem Unglauben, aus dem Mangel an Kindlichkeit am Glauben an die Liebe Gottes. Das kann schon sehr unvollkommen sein, aber ich sehe den Herrn nicht immer fröhlich".

Ähnlich äußerte sich mein Beichtvater, als er sagte, dass auch bei Jesus selbst die ganze Spannweite zwischen der Klage ("Mein Gott, warum hast du mich verlassen") und der Annahme von Gottes Willen ("Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist") vorhanden ist. Auch das Hadern mit Gott ist nicht zwangsläufig ein Unglaube, denn man hält ja weiterhin daran fest, dass es Gott gibt, und dass er gütig und allmächtig ist. Man darf sein Leid, und auch das Leid der Welt, vor Gottes Angesicht tragen.

Joseph Ratzinger sagt im bereits erwähnten Abschnitt aus "Salz der Erde": Insofern lässt sich sagen, das Grundelement des Christentums ist Freude. Freude nicht im Sinne einer billigen Gaudi, die auf dem Hintergrund der Verzweiflung stehen kann. Wir wissen doch, dass Klamauk häufig die Maske für Verzweiflung ist. Sondern es ist die eigentliche Freude. Eine, die mit einem schweren Dasein zusammen besteht und dieses Dasein dann auch lebbar macht."

Die eigentliche Freude ist also eine Freude, die das Dunkel dieser Welt nicht ausblendet, sondern integriert. Sie leugnet das Dunkel nicht und sie bagatellisiert es nicht.

Aber was genau ist nun eigentlich die christliche Hoffnung? Was ist der Grund für die christliche Freude? Meine Antwort ist vermutlich sehr unvollkommen, aber bei der Beschäftigung mit meinem Dissertationsthema kam mir vor allem eine Antowort: In der Heiligen Nacht und vor allem am Karfreitag ist Gott selbst in die tiefsten Abgründe dieser Welt hineingegangen und hat so das Leid und die Sünde von innen her aufgebrochen.

Den Gesamtkalender findet ihr hier.

Ich habe mich geirrt, der folgende Beitrag findet sich auf: http://echoromeo.blogspot.de/.

Dienstag, 15. November 2016

Ehe - Teil 3

Im letzten Teil war ich bei meinem ersten Polenaufenthalt stehen geblieben. Der war im Herbst 2010. Mein Professor hatte mir vorgeschlagen, mal en Praktikum im Polen zu machen, um meine Polnisch-Kenntnisse zu verbessern. Da ich plante, eine Dissertation zum polnischen Opfertopos zu schreiben, fand ich die Idee gut. Und suchte mir einen Praktikumsplatz. Es begann eine Zeit, wie im Rausch. Ich hatte damals keine konkreten Vorstellungen von Polen. Über mehrere Ecken (ein Mann aus dem Gebetskreis kannte einen Jesuiten, der einen Jesuiten in Krakau kannte, und der wiederum...) fand ich Unterkunft bei einer jungen, alleinstehenden, gläubigen Frau in Krakau. Sie wohnte in einer Einzimmerwohung (!) und ihre Cousine wohnte unter der Woche auch noch dort. Ich fand es toll, dass sie mich als Fremde bei sich aufnahm. Ich musste noch nichtmal Miete zahlen. Sie sagte, ich solle für sie beten.

Ich habe in dieser Stadt, die als zweites Rom gilt, Heimat gefunden, geistig und geistlich. Seit 2010 bin ich viele Male dorthin zurückkehrt, habe am Grab von Kardinal Wyszynski gebetet, vor dem verwundeten Antlitz der Muttergottes von Tschenstochau, am Grab Jerzy Popieluszkos. Die Arbeit an meiner Dissertation war sehr interessant. Zwar habe ich immer unter der Einsamkeit gelitten, dennoch kann ich sagen, dass es gute und erfüllte Jahre wahren. Ich habe viel gelernt und den katholischen Glauben ganz neu kennengelernt.

Anfang 2010 stieß ich auch auf das Internetportal KathTreff. Nachdem ich eine Weile hin und her überlegt hatte, meldete ich mich schließlich an. Es folgte sehr frustrierende Erfahrungen. Ich habe zwar viele Mails bekommen, ich habe mich auch mit einigen Männern getroffen, aber aus meiner Sicht war nie "der Richtige" dabei. Dabei war mir durchaus klar, dass kein Mensch perfekt ist. Auch wenn es mir teilweise vorgeworfen wurde, ich habe nicht den perfekten Mann gesucht, sondern denjenigen, der zu mir passt. Das ist ein Unterschied.

Es ist sehr frustrierend, wenn man Zeit (viel Zeit) und Geld investiert, zu Treffen fährt, auch Hoffnungen hegt, und dann feststellt, dass es irgendwie nicht passt. Ich fragte mich, ob ich zu hohe Ansprüche an einen Mann habe, ich fragte micht, ob Gott gar nicht möchte, dass ich heirate. Ich fragte mich, ob ich nicht genug Zeit in die Partnersuche investiere. (Ich habe beispielsweise nur sehr selten gechattet, weil diese Gespräche im Chat oft sehr lange gedauert haben, und ich aber auch abends immer noch ein bisschen arbeite, als Studentin hat man immer Arbeit.)

Außerdem hat mein Beichtvater, der auch meine geistliche Begleitung war, immer gesagt, dass ich alleine bleiben solle. Zunächst einmal dachte ich, dass das dann wohl der Wille Gottes ist, dass ich alleine bleiben soll. Das Problem war, dass ich diese Vorstellung nicht annehmen konnte. Ich habe es zwar versucht, aber innerlich hat sich alles dagegen gesträubt. Das ging mehrere Jahre so. Bis mir eines Tages der Gedanke kam, dass die Meinung meines Beichtvaters nicht zwangsläufig mit der Meinung Gottes übereinstimmen muss. Dieser Gedanke wurde immer lauter. Bis ich eines Tages beschloss, den Beichtvater zu wechseln. In der ersten Beicht beim neuen Beichtvater ist eine riesige Last von mir abgefallen. Auf seinen Rat hin habe ich mich dann nocheinmal bei KathTreff angemeldet und es hat zwar noch etwas gedauert, aber dann hat es geklappt.

Offenbar gibt es vor allem von - sagen wir - weltlicher Seite Kritik an KathTreff. Da ist von arrangierten Ehen die Rede. Nicht wenige Ehepaare lernen sich heute im Internet über Partnerbörsen kennen. Bei Parship etc. käme niemand auf die Idee von arrangierten Ehen zu reden, wenn aber Katholiken so etwas anbieten, redet man von arrangierten Ehen.

Ich jedenfalls bin - alles in allem - froh, dass es KathTreff gibt. Einen gläubigen Partner findet man heutzutage ja nicht einfach vor der Haustür. Nun kann man fragen (und viele Leute haben das auch gefragt): "Warum muss denn dein Ehemann unbedingt gläubig sein? Es gibt doch auch nette nichtgläubige Männer." Ja, die gibt es sicherlich, aber Nettsein allein reicht nicht für die Liebe. Und es reicht auch nicht für eine Ehe. Eine Frau hat mich sogar mal gefragt: "Ja, aber wenn du dich verliebst in einen evangelischen oder atheistischen Mann, dann würdest du den doch auch heiraten, oder nicht?" Und ich konnte nur sagen: "Das wird nicht passieren, dass ich mich in einen Mann verliebe, der kein gläubiger Katholik ist."

Man mag das jetzt komisch oder intolerant finden, aber wenn man schon 30 Jahre alt ist, hat man sich schon viele Gedanken gemacht über die Ehe. Da ist Liebe nicht nur ein Gefühl, dass einen sozusagen übermannt, sondern auch eine bewusste Entscheidung. Da weiß man auch, dass zu einer Ehe nicht nur das Verliebtsein gehört, sondern dass das Fundament stimmen muss. Und dieses Fundament ist Gott, ist der Glaube. Gott ist der Mittelpunkt meines Lebens. Und von diesem Mittelpunkt hängt alles ab. Meine Lebensgestaltung, meine Einstellung in verschiedenen ethischen oder gar politischen Fragen. Sogar mein Eheverständnis hängt vom Glauben ab. Wie soll ich eine Ehe führen mit jemandem, der unter Ehe etwas völlig anderes vertseht als ich?

Übrigens: Die Eltern von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI haben sich über eine Heiratsanzeige kennengelernt :)

Was mir all die Jahre gefehlt hat, war ein bisschen Rückenstärkung durch "meine" Kirche. Das muss ich wohl näher erklären: Es ist in der heutigen Zeit für junge Menschen nicht leicht, den katholischen Glauben zu leben. Man steht im alltäglichen Umfeld oft allein da. Auch ist es nicht leicht, beispielsweise die Keuschheit vor der Ehe zu leben. In alltäglichen Umfeld und sogar von ärztlicher Seite wird den Jugendlichen etwas anderes eingeredet. Umso mehr sollten katholische Geistliche sich eigentlich freuen, wenn sie auf junge Leute treffen, die sich wirklich bemühen, die Keuschheit zu leben. Sie sollten sich freuen und diese Jugendlichen unterstützen. Doch leider fehlt diese Unterstützung und Wertschätzung oft. Wie oft habe ich erlebt, dass ein Leben der Enthaltsamkeit sogar von katholischen Priestern in Frage gestellt wurde. Das Sakrament der Ehe wird heutzutag im Grunde genommen jedem hinterhergeworfen, der daher gelaufen kommt. Da wird nicht mehr gefragt, ob die Leute sich auch bemühen, ein gottesfürchtiges Leben zu führen, auch in Sachen Sexualität. Und wie selten hört man in einer Predigt mal ein paar Worte zu diesem doch sehr wichtigen Thema.

Umso dankbarer war ich, wenn ich etwa beim Forum der Gemeinschaft Emmanuel Priester treffen konnte, die für die "katholische Sexualmoral" einstanden und die jungen Leuten auf wirklich packende Weise vermitteln konnten, warum beispielsweise die Keuschheit vor der Ehe wichtig und richtig ist.